Kleines Konversationslexikon für Haushunde
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Ein Hund erklärt die Welt, das menschliche und das hündische Leben, satirisch und philosophisch. Ein Buch von
Juli Zeh kommentiert durch 26 Photos. - Erscheint im Verlag Schöffling, Sommer 2005 |
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Betteln
Außer einem lustvollen
Empfinden für Abhängigkeitsstrukturen benötigt der Haushund bewegliche Augenbrauen, steuerbaren Speichelfluss, vibrationsfähige Nasenlöcher und eine hohe Stimme. Technisch einwandfreies
Zusammenspiel dieser Grundbedingungen erzeugt den legendären Hundeblick, dem sich kein mental gesunder homo sapiens entziehen kann. *
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Intellektuelle
Untergruppe von homo sapiens, deren Vertreter jahrzehntelang in Kaffeehäusern herumsaßen, Tabakwaren aus Zigarettenspitzen rauchten
und gegen Mittag mit dem Absinthkonsum begannen.
Durch eine überraschende Mutation hat die Entwicklung dieser Spezies eine Kehrtwende vollzogen. Der neue Intellektuelle besitzt Gummistiefel, kann einen Nagel in die Wand schlagen
und anschließend mit einer Zange wieder herausziehen, kauft Häuser im Grünen und hält Tiere für die besseren Menschen. Aufgrund dieser Tatsache und seines unregelmäßigen,
bürofeindlichen Lebenswandels ist der Intellektuelle zum Wunsch-homo-sapiens für viele Haushunde geworden. *
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Omnivor
Der Laie neigt zu der Annahme, Haushunde seien Fleischfresser.
In Wahrheit ist der Haushund genau wie Huhn, Sumpfschildkröte, Wildschwein und homo sapiens ein omnivores Tier.
Als die Bibel geschrieben wurde, war er schon seit ein paar Tausend Jahren in der Lage, die Brosamen vom Tisch des Herrn zu fressen (Matthäus 15, Vers 21 bis 28).
Auf die Frage, ob der Hund in freier Natur saftige Waldlichtungen abgeweidet habe, oder auf Bäume geklettert sei, um sich ein paar Nüsse zu pflücken,
gibt es als Antwort eine treffende Gegenfrage: In welcher freien Natur? Der Haushund lebt bei homo sapiens, gleich ob im Innern oder am Rand der menschlichen Zivilisation.
Im zweiten Fall frisst der Haushund von öffentlichen Müllkippen, im ersten aus der privaten Restmülltonne. *
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Quantenphysik
Sie besagt in etwa, dass man den Aufenthaltsort eines Objekts nicht mit Sicherheit bestimmen kann, solange man es nicht beobachtet.
Weil der durchschnittliche homo sapiens nicht Physik studiert hat, vermutet er den Haushund jedes Mal wieder an der Stelle, wo er ihn zuletzt gesehen hat.
Insofern verhelfen quantenmechanische Grundkenntnisse zu einem wertvollen Vorsprung bei der Selbstfindung.
Vor allzu waghalsigen Quantensprüngen sei jedoch gewarnt. Sie münden mitunter in strapaziöse Irrfahrten und enden im neunten Kreis der Hölle, auch
Tierheim genannt, wo der Haushund reumütig darauf warten muss, dass sein homo sapiens ihn abholt. *
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Religion
Was dem homo sapiens sein Gott, ist dem Hund sein homo sapiens. Ob der Hund einem gütigen Gebieter oder einer rachsüchtigen Gottheit dient -
ein Leben ohne homo sapiens ist ein Leben im Nichts und deshalb nicht vorstellbar. Auch ihren Höchsten Herrn hätten die Menschen guten Gewissens ein "Herrchen" taufen können.
Denn Religion ist nichts anderes als die Lehre davon, wie man frei von Erkenntnis gehorcht und am Ende trotzdem getan hat, was man eigentlich wollte. Darin haben wir Hunde es zu einer
gewissen Meisterschaft gebracht. *
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Telekinese
Trotz der irreführenden Bezeichnung ist "Telekinese" kein kleiner, haariger Hund mit plattgedrückter Nase. Es handelt sich vielmehr um
den dritten Dan in der Disziplin des Lass-Falln-Und-Gong.
Ein Großmeister bringt durch reine Verstandeskraft die Käseplatte auf der Kante des Abendbrottischs in Schieflage, so dass Camembert und Emmentaler wie durch Geisterhand
berührt zu Boden klatschen. *
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Xerographie
Bei dieser Prozedur legt sich der Haushund flach auf eine Kopiermaschine und bittet homo sapiens, den Deckel zu schließen
und auf die grüne Taste zu drücken. Was dabei herauskommt, entspricht weder der intellektuellen Wunschvorstellung von einem würdigen Nachfahren,
noch befriedigt es das instinktive Verlangen nach Vervielfältigung. Aber das Ergebnis kann einem an homo sapiens gerichteten Antrag auf Hilfe bei der
Fortpflanzung beigelegt werden. Auch wenn kein Fall bekannt ist, in dem das Früchte getragen hätte. *
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* Texte gekürzt
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